WAS WERD ICH ARMER DENN SAGEN / 2023
Presse
2023/06/23 Frankfurter Rundschau
Oliver Augst und die „Sieben Todsünden“ – Da bleibt nur die Straße
Von: Stefan Michalzik
Oliver Augst und Reto Friedmann spielen mit Brecht/Weills „Sieben Todsünden“.
Hedderichstraße in Sachsenhausen“ – die ist lang, keine sonderlich präzise Ortsangabe mithin. Aber es ist ja auch, so sagt es Oliver Augst, in erster Linie das Laufpublikum, das erreicht werden soll mit dieser „Wanderpredigt“, die sieben Jahre lang immer wieder gehalten werden soll. Fürs erste sieben Mal in Frankfurt und im September wiederum sieben Mal in mehreren Städten der Schweiz, wo der Autor, Klangkünstler und Theologe Reto Friedmann herkommt, der zweite
Akteur der Sprach- und Musikperformance „Was werd’ ich Armer dann sagen – Worte, Gesänge, Stimmen zu den Sieben Todsünden nach Brecht/Weill“. Der Aufwand ist auf das kleinste Maß beschränkt: nichts als zwei Kisten aus Kunststoff als Podien, in einem Fußgängerbereich zwischen Stadtbibliothek und Rewe-Markt auf dem Terrain des einstmaligen Sachsenhäuser
Straßenbahndepots. Keine Institution, kein Theater mit seiner Personalmaschine im Rücken. Wohl aber Produktionsgelder.
Von knapp fünfzigtausend Euro ist die Rede in Friedmanns Text, der sich des Gerüsts des 1933 in Weills Pariser Exilphase im Auftrag von George Balanchine entstandenem „ballet chanté“ bedient. Mit Anna I, die hier die „Sieben Todsünden“ an Veranstalterinnen und Veranstalter verkauft, und Anna II, die das zu verkaufende Produkt ist. Mit Prolog und den Sieben Todsünden Faulheit, Stolz,
Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht, Neid. Anna II hat das aus diversen deutschen und schweizerischen Fördertöpfen stammende Produktionsgeld verkonsumiert, anstatt es, wie von Anna I geplant, in Aktien anzulegen und für sich arbeiten zu lassen. Woraufhin auf der Straße
gespielt werden muss. In der Beschäftigung mit den Versuchungen des konsumorientierten Kapitalismus knüpft diese Paraphrase unmittelbar an Brecht/Weill an. In pointiert satirischer
Art kündet sie von den Seelenwidersprüchen des zeitgenössischen Menschen im Kapitalismus, welcher ungeachtet eines neuen ökologischen Imperativs unverdrossen weiterhin zum Konsum anregt. Die beiden Annas wollen sich – Stichwort Selbstoptimierung – ausgewogen und gesund ernähren, fragen sich indes zugleich in einer langen „Warum soll ich ...?“-Liste, weshalb sie Zucker reduzieren, eine Reduktion von Fleisch und Wurst in Betracht ziehen, im Urlaub
nicht zunehmen sollen … undsoweiterundsofort. Reihungen, teils lange, sind charakteristisch für Reto Friedmanns Text.
Es wird gesungen (Augst, sonorer Bariton) und gesprochen (Friedmann, milder Schweizer Akzent), in einer Form zwischen Opernton und Anklängen an das Männergesangsquartett wie die Kantate – auch musikalisch frei angelehnt an die Vorlage. Alles großartig, bloß von den Vorübergehenden haben sich über einen interessierten Blick hinaus bedauerlicherweise nur wenige auf eine Dreiviertelstunde festgesetzt. Der Himmel hat ab und an an den richtigen Stellen
gegrollt. Das ist in einem Saal nicht zu haben.
Termine in Frankfurt: Samstag 11 Uhr im Durchgang an der Staufenmauer nahe Konstablerwache, 17 Uhr bei der Louis-Appia-Passage im Ostend, 20 Uhr neben dem Eingang zum Dom.
2023/06/23 Frankfurter Allgemeine Zeitung
Straßenperformance : Gesellschaftskritik für Passanten
Von Nicole Nadine Seliger
Die Künstler Oliver Augst und Reto Friedmann inszenieren die „Sieben Todsünden“ von Brecht und Weill in Frankfurts Straßen und geben Impulse zum Nachdenken.
Unauffällig sind Oliver Augst und Reto Friedmann nicht, wie sie auf zwei Plastikkisten in der Bendergasse unweit des Römerbergs stehen und über Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Lust, Gier und Neid singen und sprechen. Augst, ganz in weiß gekleidet, und Friedmann im brauen Zweiteiler erregen mit ihrer 45 Minuten dauernden Performance durchaus die Aufmerksamkeit der Passanten, doch nur wenige von ihnen bleiben stehen, um sich die Vorführung komplett anzusehen. Deutlich mehr halten kurz an, sichtlich neugierig und erstaunt ob der Darbietung auf der Straße, ehe sie nach kurzer Zeit wieder ihres Weges gehen, in Richtung Museum, Römerberg oder U-Bahn-Station. Doch sie verharren lange genug, um einige Sätze von Augst und Friedmann als Impulse zum Nachdenken aufzunehmen.
Mit „Was werd’ ich Armer dann sagen“ zeigt das Duo an verschiedenen Orten in Frankfurt eine Bearbeitung des Stoffes zu den sieben Todsünden, nach der Vorlage des 1933 in Paris uraufgeführten Balletts „Die sieben Todsünden“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Die neue Fassung – mit der Komposition von Augst und den lyrischen Texten von Friedmann – bringt die ursprüngliche Kapitalismuskritik in die Gegenwart, ganz ohne Balletteinlagen und Opernmusik.
Stattdessen kommt die Musik aus einem kleinen Synthesizer, der problemlos in Augsts Sakkotasche passt und stets zu Beginn jeder neuen Todsünde für ein kurzes Zwischenspiel herausgezogen wird. Dazu wird gesungen, rezitiert und gestritten; wie im Original von Brecht und Weill übernimmt ein Künstler die Rolle der Anna I, der andere die der Anna II – gemeinsam nähern sie sich den sieben Todsünden, die sich an denen der römisch-katholischen Lehre orientieren und die Anna für ein vermeintlich erfolgreiches Leben nicht begehen darf.
Die Themen bei Augst und Friedmann sind sehr aktuell und als Gesellschaftskritik angelegt: Es geht etwa um falsche Investments, gegenwärtigen Optimierungswahn und Ignoranz angesichts des Klimawandels. Die beiden Künstler, die sich mit ihrer Performance in der Tradition der Wanderprediger sehen – „aber ohne Botschaft und moralischen oder religiösen Ansatz“, wie
Friedmann sagt –, haben bereits in den vergangenen Jahren gemeinsame Projekte umgesetzt, etwa zum Dadaismus und zu Henry David Thoreau. Für Friedmann ist die Inszenierung in Frankfurts Straßen auch die Gelegenheit, sich den Bewohnern an seinem neuen Arbeitsort vorzustellen: Im Wintersemester 2023/2024 wird er die Stiftungsprofessur Komposition über „Interpretatorische Praxis und Vermittlung neuer Musik“ an der Hochschule für Musik und
Darstellende Kunst übernehmen. Bis dahin ist das Duo mit seiner Inszenierung der „Sieben Todsünden“ unterwegs: bis Samstag noch an verschiedenen Orten in Frankfurt, im September treten die beiden dann in Friedmanns Heimat Schweiz auf und bringen ihre anregende Gesellschaftskritik nach Frauenfeld, Schaffhausen, Luzern und Zürich.
„Was werd’ ich Armer dann sagen“, am 24. Juni: von 11 Uhr an im Durchgang an
der Staufenmauer bei der Konstablerwache, von 17 Uhr an bei der Louis-Appia-
Passage im Ostend und von 20 Uhr an neben dem Eingang zum Kaiserdom.