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WINTERREISE / CD / 2020

MAGEL LAUSCHT
Winterreise

Richtig kalt ist es nicht gewesen in diesem Winter. Das dürfte
aber nicht der Grund sein, warum Franz Schuberts "Winterreise",
1827, ein Jahr vor seinem frühen Tod, komponiert, sich
derzeit so großer Beliebtheit erfreut. "The Cold Trip" heißt Anselm
Dalferths Anverwandlung am Staatstheater Mainz ja nicht
etwa, weil es dem Publikum endlich mal schön winterlich kalt
werden soll, wenn es auf Schuberts Spuren durch die Stadt flaniert:
"Die Krähe" oder "Wasserfluth", in Hauseingängen, von
Straßenmusikern und einsamen Nachtwanderern gesungen –
am Samstag ist das zum letzten Mal zu erleben. Tim Plegge hat
sein Ballett "Winterreise" in die Einsamkeit eines Grandhotels
verlegt, das junge Offenbacher Choreographenduo Katerina
Vlasova und Amadeus Pawlica widmet sich in seinem neuen
Duett der Depression, mit der sich der arme Wanderer herumschlägt,
ihre "Winterreise" ist von Donnerstag bis Samstag in
den Frankfurter Landungsbrücken zu sehen. Aus der Mode gekommen
sind Schuberts herzzerreißende Lieder nie, aber das
Anderssein, Depression, Marginalisierung, Armut sind es, mehr
als die enttäuschte Liebe, die heute Künstler an der "Winterreise"
interessieren. Am radikalsten sind die beiden Frankfurter
Tonkünstler Marcel Daemgen und Oliver Augst herangegangen.
Ein Feature im Deutschlandfunk über ihre "Winterreise" ist noch
bis 7. März in der Mediathek des Senders abrufbar, eine CD
wird erscheinen.
Ihre "Winterreise" ist eine analog-elektronische zeitgenössische
Anverwandlung, die aus dem lyrischen Ich einen Zeitgenossen
macht, einen kosmopolitischen Großstadtstreicher, dem das gelungene
Leben abhandengekommen
ist, der leidet, sich in Gedanken verfängt und bisweilen
auch genervt ist. Mit Tipp-Ex, erzählt Augst, habe er vor
dem Einsingen der Lieder die Verzierungen aus Schuberts Notentext
getilgt. Wie passend, zur Fastenzeit. Durch Notenverzicht
treten die Knochen der "Winterreise" hervor.
Eva-Maria Magel, FAZ 27.02.2020


Lieder zum Anthropozän
Offenbach – Im Zuge seiner tausendfältigen Aktivitäten in einem Feld zwischen Konzert, musikalischer Performance und Hörspiel beschäftigt sich der Musiker und Sänger Oliver Augst seit mehr als zwei Jahrzehnten immer wieder auch mit dem Lied, in wechselnden Besetzungen vorwiegend aus einem Kreis von assoziierten Musikerkollegen. Nach dem Volkslied, Hanns Eisler und dem Arbeiterlied sowie zuletzt dem Mainzer Karnevalslied („Der Ernst-Neger-Komplex“) ist es nun Franz Schuberts Zyklus „Winterreise“ (1827/28), den Augst zusammen mit Marcel Daemgen bearbeitet hat. In einer zeitgenössischen Form, weit entfernt vom deutschen Klavierlied, entstanden als Koproduktion mit dem Deutschlandfunk in Köln. Über die Radiosendung und die Verbreitung durch die digitalen Kanäle hinaus, liegt jetzt eine kunstvoll gestaltete und auf 150 Exemplare limitierte CD-Ausgabe im Buchformat vor.
Es gab schon viele Ansätze, Schubert/Müllers „Winterreise“, Manifestation eines modernen Lebensgefühls der Entfremdung, musikalisch in die Gegenwart zu übertragen; prominent vor allem die als „komponierte Interpretation“ deklarierte orchestrierte Bearbeitung von Hans Zender von 1993. Die Melodien Schuberts sind der Ausgangspunkt, doch unterscheidet sich die Herangehensweise der in Offenbach aufgewachsenen Oliver Augst und Marcel Daemgen von der Zenders. Augst lebt übrigens zwischen Ludwigshafen und Paris, Daemgen nach wie vor in der Stadt am Main. Während bei Zender die Gesangslinien zu guten Teilen in ihrem ursprünglichen Duktus belassen wurden, greifen Augst und Daemgen diese zwar gleichfalls auf, doch sie rücken sie in einen neuen musikalischen Zusammenhang: den einer elektroakustischen Produktion.
Die Lieder präsentieren sich nun gleichsam als Chansons mit einer Begleitung, die sich zeitgenössischer Mittel bedient. Eine Folge dumpfer perkussiver Doppelschläge, kürzelhafte Streicherklänge vom Synthesizer – dann die berühmten ersten Zeilen: „Fremd bin ich eingezogen/Fremd zieh ich wieder aus.“ Schuberts Melodien trägt Augst mit einer festen, zwischen Sprechen und Gesang changierenden Baritonstimme vor, die jede Forcierung, jede romantische Expressivität, jede Überhöhung meidet und sich in der „Objektivierung“ auch vom Geniebegriff der Romantik abgrenzt.
Dabei hallt das Kunstlied im Gesang noch als eine Ahnung nach, die sich kontrapunktisch zum Gesang verhaltenden musikalischen Texturen zu den 18 Liedern hingegen haben sich davon vollständig abgelöst. Den Gedichten Wilhelm Müllers gegenüber behaupten sie eine lose korrespondierende Eigenständigkeit. Es herrschen in erster Linie kurze Figuren mit Stockungen und Brüchen vor. Immer gibt es Annäherungen an kammermusikalische wie auch orchestrale Streicher, die am Synthesizer produziert sind; zuweilen wirken sie wie Samples aus Plattenaufnahmen. „Gefror’ne Tränen“, das zweite Lied, basiert auf einem ostinaten Wummern. Immer wieder auch gibt es knisternde geräuschhafte Gespinste. Harsch tönt in „Die Krähe“, einem zentralen Stück des Zyklus’, die Noisegitarre des Pariser Musikers Alexandre Bellinger, der auch als Turn-tablist in Erscheinung tritt, am charakteristischsten mit den Scratchsounds in „Die Nebensonnen“.
Es ist weniger die psychologische Seite dieses „Zyklus schauerlicher Lieder“ (Schubert), für die sich Augst und Daemgen interessieren, es ist der Horizont unserer Zeit, dem Anthropozän, dem menschenbestimmten Erdzeitalter, auf den sie den Blick mit dieser eigenwüchsig-unorthodoxen Überschreibung ausrichten; als Zeugen zitieren sie den popmusikaffinen Philosophen Timothy Morton, der einmal sagte, es werde eine Zeit kommen, in der man sich bei jedem Werk die Frage stellen müsse, was es über die Umwelt aussagt.Stefan Michalzik, Offenbach-Post 27.03.2020, Seite 40

 

Winterreise im Unbewohnbare
Oliver Augst und Marcel Daemgen versetzen Schuberts Werk in die Kälte der Gegenwart
Sechs der 24 Gedichte fehlen, und gelegentlich gibt es leichte Veränderungen im Text. Aber das macht nichts. Die Post kommt schließlich heute ohne Horn daher, und man braucht keine Wetterfahne mehr, um zu wissen, woher der Wind weht. Die „Winterreise“, die Oliver Augst und Marcel Daemgen aus Wilhelm Müllers Gedicht- und Franz Schuberts Liedzyklus gemacht haben, erscheint sehr heutig und durchaus komplett.
Franz Schuberts „Winterreise“ ist ein Epoche machendes Werk der europäischen Musikgeschichte. Ian Bostridge, Tenor, der dem Werk vor fünf Jahren ein großartiges Buch widmete, bezeichnete es in britischer Untertreibung als „erstes Konzeptalbum der Musikgeschichte“, aber es ist noch viel mehr. Das beweisen zahllose Interpretationen, Re-Kompositionen und eine ganze Bibliothek voll Sekundärliteratur.

Wer die „Winterreise“ als klavierbegleiteten Tenor-Auftritt gespeichert hat, kann sich hier einen alternativen Eindruck verschaffen. Die Arrangements in der Version von Augst und Daemgen stammen aus der Zeit nach dem Ende der analogen Ära: Strukturiert von synthetischen Beats, elektronisch instrumentiert und sparsam, imitieren sie nichts Vertrautes und kommen weitgehend ohne Zitate aus. Von Schuberts Komposition bleiben der größte Teil der melodischen Gestaltung und der gesangliche Duktus.
Alexandre Bellengers elektrische Gitarre entwirft keine zusammenhängenden Klanglandschaften, sondern arbeitet eher wie eine Eisensäge. Oliver Augsts Bariton erspart dem Hörer die kunstreichen Artikulationen eines konventionellen Liederabends, bleibt jedoch souverän artikulierend in absichtsvoller Nähe zu dem, was man „Originalklang“ nennen könnte, wenn es das in Interpretationen der Gegenwart gäbe. So entsteht keine anheimelnde Wiederbegegnung mit Bekanntem, sondern ein Spannungsverhältnis auf der Basis eines reflektierten historischen Resonanzraumes.
Der Schauplatz dieser „Winterreise“ ist nicht die unwirtliche Kälte der Natur und der Metternich’schen Restauration vor zwei Jahrhunderten. Es ist die zunehmend unbewohnbare Urbanität der westlichen Welt. Natur? Gibt es nicht mehr. Besingbare Lindenbäume stehen nicht mehr am Brunnen vor dem Tore, sondern sind vermutlich zu Pellets geschreddert, und der Schnee kommt aus der Schneekanone.
Er hat keine Chance
Augst und Daemgen machen aus dem Liedzyklus ein angespanntes Hör-Theater, und sie lassen weder Schubert noch Müller unberührt und unbefragt. Ihr unbehauster Wanderer hat, das hat er mit Müllers und Schuberts lyrischem Ich gemein, vom ersten Augenblick an keine Chance. Er streift nicht durch ein winterliches Mittelgebirge, eher durch eine rush hour am Stadtrand. Natürlich sind da Enttäuschung, eine zerbröselte Liebe, die Ignoranz der anderen und eisige Einsamkeit – aber als universell gewordene Zustände. Romantik bekommt einen neuen Horizont. Zwar träumen die Menschen in ihren Betten „sich manches, was sie nicht haben“, wie vor zwei Jahrhunderten, aber das ist kein Befund, der trösten könnte. Genauso wenig wie der Leiermann, der in vielfältiger Gestalt seit 1827 immer noch „barfuß auf dem Eise“ steht.
Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau 01.04.2020

 


Booklettext von Frank Kämpfer / DLF

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