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EUROPA - Ein Kontinent als Beute / 2016

ein Film von Christoph Schuch und Reiner Krausz
Deutschland 2016, 78 Minuten, deutsch/englisch/spanische OF mit teilw. deutschen UT

Eine Produktion von Avanti-Film
mit freundlicher Unterstützung von Hessen Film & Medien und Sehstern Filmproduktion
mit Fabio de Masi, Dirk Müller, Daniele Ganser, Paula Gil, Tersa Galindo, Miguel Angel Ferris
im Verleih der Edition Salzgeber

 

KURZINHALT & PRESSENOTIZ
Über Jahrzehnte hielt das Versprechen von Frieden und wachsendem Wohlstand die Europäer zwischen Finnland und Zypern zusammen. Doch seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 ist das europäische Projekt auf Schlingerkurs und steckt heute in seiner größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Neoliberale Wirtschaftskonzepte, korrupte Eliten und global agierende Banken und Konzerne spalten zunehmend den Kontinent; Arbeitsrechte und Sozialstandards werden immer mehr aufgeweicht; Völkerhass, Klassenkämpfe und Nationalismus greifen um sich und treiben immer mehr Menschen in die Hände von Rechtspopulisten. Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA wird zu einer Entspannung der Situation kaum beitragen.
EUROPA – EIN KONTINENT ALS BEUTE stellt wichtige Fragen: Wie konnte es zu dieser breiten wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und moralischen Krise Europas kommen – und wie schaffen wir es aus dieser brandgefährlichen Situation wieder heraus? Wie kann man Menschen für ein faires und solidarisches Europa gewinnen? Wie wollen wir in Zukunft in Europa zusammen leben?
Um den ökonomischen Verflechtungen und politischen Ursachen der Krise auf die Spur zu kommen, haben sich die Filmemacher Christoph Schuch und Reiner Krausz auf eine Reise durch Europa gemacht: in die Krisenländer Spanien und Portugal, ins Europäische Parlament nach Brüssel, in die Bankenmetropole Frankfurt und in die neutrale Schweiz. Sie lassen den linken Europa-Politiker Fabio de Masi zu Wort kommen, den Wirtschaftsfachmann Dirk Müller aka „Mister Dax“ und den Historiker Daniele Ganser, aber auch die Politik-Akivist_innen Paula Gil, Teresa Galindo und Miguel Angel Ferris, die von ungleichen Chancen, dem Kampf um lebenswerte Alternativen und kleinen Hoffnungen erzählen. Diese vielfältigen Experten-Perspektiven verweben Schuch und Krausz gekonnt mit einem traumwandlerisch sirrenden, mitunter aufrüttelnden Soundtrack von Oliver Augst und Marcel Daemgen und ruhigen, poetischen Bildern eines Europas im Ausnahmezustand.

Was passiert da gerade? Europa kommt aktuell nicht zur Ruhe: Abbau von sozialen Standards, erzwungene Privatisierungen, terroristische Anschläge, ein Krieg gegen das eigene Volk in der Türkei, Ausnahmezustand in Frankreich, Einschränkungen der Pressefreiheit in mehreren
Ländern, Austritt der Briten aus der EU, Angriffe auf Flüchtlingsheime in der deutschen Provinz, Wiederausrollen von Stacheldraht an den Grenzen – die Liste ließe sich fortsetzen. Und dann wurde vor kurzem auch noch ein Mann zum nächsten Präsidenten der USA gewählt, der die Verachtung von Frauen, Schwulen, Behinderten, ja von ganzen Völkern und Glaubensrichtungen salonfähig gemacht hat. Spätestens jetzt
müsste Jedem klar sein, dass das „Wir“ des „freien Westen“ jeglichen Anspruch auf Gültigkeit verloren hat.
Mich persönlich haben diese Entwicklungen immer fassungsloser gemacht. Besonders einschneidend habe ich die Krise am Beispiel Portugals erlebt. Dieses Land, das ich so liebe und in dem ich Film studiert habe, wurde plötzlich von angloamerikanischen Hedgefonds zu einer Art Ramschland degradiert und zum Ausverkauf freigegeben, wie zuvor schon Griechenland.

Über die Ursachen der europäischen Misere, die sich seit der Finanzkrise 2008 immer mehr verschärft, diskutieren sich Politiker und Experten inmitten vieler Nebelkerzen in Talk-Shows fast täglich die Köpfe heiß. Für das Publikum ist das oft ermüdend und meist wenig erhellend.
Aus diesem Grund wollte ich selbst filmisch nach Antworten suchen. Meine Recherereisen führten mich zunächst nach Portugal und Spanien. Dort filmte ich Aktivistinnen und Journalistinnen, die in Portugal den Brain Drain anprangern und in Spanien die Korruption der regierenden konservativen Volkspartei. Visuelles Herzstück des Films sind die ruhigen Aufnahmen, die hier entstanden sind.
Ergänzt werden diese Gespräche durch drei Interviews, die ich gemeinsam mit Reiner Krausz in Brüssel, Frankfurt am Main und Basel geführt habe. Wir haben uns hier ganz bewusst für Protagonisten entschieden, die aus unterschiedlichen Disziplinen kommend mit verschiedenen Perspektiven auf die Krise blicken: den linken Europa-Abgeordneten Fabio de Masi, der uns die Dinge aus der großen Maschine heraus, aus dem EU-Parlament schildern konnte; den Wirtschaftsexperten Dirk Müller und den Schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser, der den Außenblick auf das europäische System hat.
Als Filmemacher hoffen wir, unsere Zuschauer zum Nachdenken und Diskutieren anregen zu können. Wie all unseren Protagonisten geht es auch uns darum, ein besseres Europa zu ermöglichen: ein Europa, das soziale Standards und gesellschaftliche Minderheiten respektiert und schützt und dem Ausverkauf der Städte, Staaten und Werte ein solidarisches Projekt entgegensetzt.

Christoph Schuch, Januar 2017

 

„Den Armen geht’s in Griechenland und in Deutschland schlecht. Das Perfide ist, dass die jetzt gegeneinander aufgehetzt werden, entlang der Nationallinien. Das ist eine klassische Technik: Du hast eine andere Fußballnationalmannschaft als der, also habt Ihr verschiedene Interessen, und das bedeutet: Er nimmt Dich aus! Wenn man das tausendmal erzählt, dann braucht es keine Fakten mehr, dann glauben das die Leute. Eine Lüge, die genügend oft wiederholt wird, führt dazu, dass Leute aus der gleichen Klasse das Gefühl haben, sie sollten sich bekämpfen. Und sie verstehen nicht, dass das Spiel nicht über die Nationen läuft, sondern über die Schichten. Dass die Unterschicht in Griechenland und in Deutschland verliert, dass die Mittelschicht in Griechenland und in Deutschland verliert und dass die Oberschicht in Griechenland und in Deutschland profitiert.“
Dr. Daniele Gansel

„Die Politik versteht gar nicht, wie schnell ihr das Heft entgleitet, wie schnell die Macht zu den Konzer-
nen wechselt. Die Konzerne sind international aufgestellt und können sich aus allen Ländern die Rosinen herauspicken: können dort ihre Steuern zahlen, dort ihren Firmensitz hinsetzen, dort produzieren, dort verkaufen – sie suchen es sich raus, spielen die Staaten gegeneinander aus. Und die Staaten stehen da und wundern sich, was passiert, und lassen sich obendrein noch vorführen und von den Konzernen die Gesetze vorschreiben.“
Dirk Müller

„Wir sind mit Europa groß geworden. Wir hatten das Erasmus-Programm für Studenten und all die Möglichkeiten, um unser Land zu verlassen, um im Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Das Problem ist, dass wir unter einem Brain Drain leiden, dem Wegzug vieler gebildeter, junger Menschen. Und
das ist erzwungen. Es ist nicht unsere Wahl, das Land zu verlassen. Es ist
die einzige Möglichkeit, um weiterhin
zu arbeiten und ein normales Leben
zu führen. (...) Die jetzige Generation ist besser ausgebildet als jemals eine Generation zuvor in Portugal. Diese Generation ist komplett verloren. Und sie kann nichts zur Veränderung der Situation in unserem Land beitragen. Und die Generation, die wir zur Welt bringen werden, wird entweder nicht in Portugal leben oder weniger Zugang zu Bildung als wir haben. Das bedeutet: Es gibt für dieses Land keine Zukunft.“
Paula Gil

„In Valencia werden tatsächlich öffentliche Gelder für Bildung investiert, doch diese Mittel fließen nur an bestimmte Initiativen für die Einrichtung von Privatschulen. In die öffentlichen Schulen wird hingegen nicht investiert. In diesen Zeiten hat die spanische Familie aber schlicht nicht die finanziellen Mittel, um private Bildung für ihre Kinder zu finanzieren. Das ist ein großes Problem, das fast alle Familien stark betrifft, nicht nur die der Arbeiterklasse, sondern auch Familien der Mittelklasse bis oberen Mittelklasse.“
Teresa Galindo

„Viele Leute fragen sich ja: Warum wird diese gescheitere Europa-Politik weiter gemacht? Wir haben jetzt seit fast sieben Jahren Depression, die Schulden sind gestiegen, statt zu sinken. Sind die Regierungen zu blöd dafür? Ich glaube, sie sind nicht zu blöd, sondern es stecken Interessen dahinter. Man will im Prinzip überall die Löhne drücken, die Renten drücken, um eine billige Sonderwirtschaftszone für die großen Konzerne zu schaffen und deswegen nimmt man
in Kauf, dass die Wirtschaft immer weiter abschmiert, dass die Leute keine Gesundheitsversorgung mehr haben, dass Menschen verzweifelt sind, dass sogar die Selbstmorde in Ländern wie Griechenland zugenommen haben – und das überhaupt eine große Depression in der Bevölkerung herrscht. Das ist eine fundamentale Kriegserklärung an die Demokratie, denn Demokratie heißt ja auch,
dass sich die Interessen der Mehrheit durchsetzen, und die Mehrheit
der Bevölkerung besitzt eben keine Fabriken. Wenn man permanent Löhne senkt und unser öffentliches Eigentum an irgendwelche Heuschrecken verramscht, dann ist klar, dass man die Demokratie immer mehr abschafft. Denn die Demokratie stört.“
Fabio de Masi

Plakat



 

 

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