HUGO BALL LIEDER / Digital / 2026
Augst & Daemgen
Augst & Daemgen arbeiten sich an Deutschland ab. Am Deutschland Bertolt Brechts und Hanns Eislers, am Deutschen des Schlagers, den deutschen Arbeiterlieder, an den Volksliedern, die in Deutschland gesungen werden. Und nun am Deutschland Hugo Balls. Erster Weltkrieg. Verdun. Senfgas. Flammenwerfer. Die Moral liegt am Boden. War sie denn überhaupt da. Hugo Ball, *1886 in Pirmasens, †1927 in St. Abbondio, Schweiz. Dichter, Dadaist, Philosoph, Anarchist und Katholik.
Augst & Daemgen vertonen also Gedichte von Hugo Ball. Die Gedichte erzählen von einem Künstler, der sich an seiner Zeit die Zähne ausgebissen und sich dabei auch noch den Magen verdorben hat, wie er selber in einer Tagebuchnotiz schreibt. Gestorben ist er an Magenkrebs. Balls Gedichte erzählen von einem Deutschland, das nicht das seine ist. Er emigriert nach Kriegsausbruch in die Schweiz, nach Zürich. Hier gründet er mit seiner Frau Emmy Hennings und Künstlerfreunden das Cabaret Voltaire, den Geburtsort des Dadaismus.
Augst & Daemgen tragen dadaistische Lautgedichte vor. Nicht nur, aber auch. Mit der dadaistischen Kindlichkeit wollte Ball die Mächtigen und ihre Hochkultur zu Schande machen, sie der Lächerlichkeit preisgeben. Aber mit Gesellschaftskritik alleine war Ball nicht zufrieden. Er suchte nach Plausibilitäten und Wahrheiten. Und er fand diese im Katholizismus. In einem Katholizismus auf der Grundlage der Französischen Revolution.
Augst & Daemgen singen deshalb auch von der heiligen Maria Mutter Gottes. Ist es ihnen ernst damit? Im Magnificat, dem Lobgesang Mariens, heisst es: „Er (Gott) stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Die Nähe dieser Zeilen zu den von Augst & Daemgen gesungenen Arbeiterliedern ist unübersehbar. Balls Flucht aus der Zeit mündet in eine religiös konnotierte Zuwendung zur Welt. Seine Hoffnung für Deutschland liegt in der Ausrichtung des einzelnen Menschen. Er fordert eine moralische Revolution als Voraussetzung für die Schaffung von Frieden und Gerechtigkeit.
Augst & Daemgen singen dadaistische Lautgedichte neben Marienliedern, ein Antikriegslied neben einem Liebesgedicht für Emmy Hennings. Wie kann das nur gut gehen? Augst & Daemgen greifen dazu geschickt auf den Begriff des Varietés zurück, auf eine Form für ein bunt wechselndes Programm artistischer, tänzerischer, akrobatischer und musikalischer Darbietungen. Was hat das aber mit Hugo Ball zu tun?
Im Mai 1915 kommen Ball und Hennings mittellos in Zürich an. Für ihr Auskommen nehmen sie ein Engagement im Maxim-Varieté im Zürcher Ausgehviertel an. Im Wechsel mit Feuerschluckern und Tänzerinnen singt Emmy Hennings Lieder und Hugo Ball begleitet sie am dem Klavier. Ganz ähnlich tragen Augst & Daemgen die Gedichte von Hugo Ball vor. Oliver Augst singt und Marcel Daemgen begleitet ihn am Klavier. Das Ergebnis ist eine Sammlung melancholischer Lieder, wie sie von Hennings und Ball hätten gesungen werden können. Mit sanfter Hingabe folgen Augst & Daemgen Balls Gedanken und Wendungen, einmal synchron zustimmend, ein andermal divergierend interpretierend, sich aber immer wieder findend. Nach dem Ausklingen der letzten Töne der CD bleibt eine verstörende Traurigkeit zurück. Es ist eine Traurigkeit im Wissen um die Folgenlosigkeit von Balls unermüdlichem Warnen und Ankämpfen gegen den Militarismus Deutschlands in der Zwischenkriegszeit.
(Booklettext, Reto Friedmann)
Booklettext von Reto Friedmann